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"Es ist höchste Zeit für eine HKN-Plattform"

Unna (energate) - Zum Start der neuen Handelsplattform mit dem Namen "Colourful Energy" hat energate mit dem Geschäftsführer der Arcanum Energy Solutions Holger Kligge gesprochen:

Energate: Warum startet Arcanum eine Handelsplattform für Herkunftsnachweise?

Kligge: Es ist höchste Zeit, dass dieser Markt organisiert wird. Ökostrom und damit Herkunftsnachtweise werden für immer mehr Stadtwerke und Ökostromlieferanten interessanter. Dies zeigen zahlreiche Statistiken, wie zum Beispiel die abrufbaren Registerdaten des Umweltbundesamtes. Und auch preislich sind HKN längst nicht mehr auf die leichte Schulter zu nehmen. Früher lagen sie nur im niedrigen Cent-Bereich, da war es nicht kritisch, wenn man nicht ganz optimal eingekauft hatte. 2018 wurde der Markt durch Rekordpreise über zwei Euro pro HKN wachgerüttelt, von denen wir uns zwar wieder etwas entfernt haben. Aber bei aktuell je nach Qualität etwa 80 Cent pro HKN lohnen sich solche Handelsstrukturen wie unsere. Abgesehen davon ist auch der Informationsgehalt eines zentralen Marktplatzes viel wert, um Preise und Markt einschätzen zu können. Durch den weitestgehend verbreiteten OTC-Handel fehlt dies bisher völlig.

energate: Die Börse EEX hatte über vier Jahre lang von 2013 bis Ende 2017 vergeblich versucht, einen Handel für Herkunftsnachweise zu etablieren. Wieso sollte das mit Ihrer Plattform besser klappen?

Kligge: Unsere Plattform ist komplett anders als ein börslicher Handel aufgebaut. Das beginnt bereits bei den Zulassungsvoraussetzungen und Nutzungsbedingungen, die völlig unkompliziert sind, ebenso wie die Registrierung selbst. Die gesamte Bedienung ist intuitiv gehalten, so dass ein Schulungsbedarf entfällt. Es gibt auch kein Settlement-Pricing oder vorgegebene Auktionszeiträume. Der Handel kann 24/7 erfolgen und die Preise werden einfach von den Anbietern festgelegt. Die Teilnahme selbst ist zudem kostenfrei, der Nutzer zahlt nur im Erfolgsfall und damit kalkulierbar. Wir haben die Hürden also nicht nur niedrig gesetzt, sondern komplett abgebaut.

energate: Welche Handelsgrößen sind möglich und woher sollen die Anbieter kommen?

Kligge: Über die Handelsmengen entscheidet der Anbieter. Ab einem HKN (1 MWh) ist alles möglich. Die Anbieter können eine verfügbare HKN-Menge eintragen, die auch in Teilmengen abverkauft werden kann. Ein Wasserkraftproduzent trägt beispielsweise eine Mindestabnahmemenge wie 60.000 MWh von insgesamt 500.000 MWh ein und legt auch die Losgröße mit beispielsweise 10.000 MWh fest. Somit könnte ein Stadtwerk 70.000 MWh kaufen, die Menge des Zuschlags wird automatisch abgezogen, so dass noch 430.000 MWh auf der Plattform verbleiben bis zum Ablaufdatum, das ebenfalls der Anbieter definiert. Positionen können also auch über einen längeren Zeitraum stehen bleiben. Während wir uns nachfrageseitig zunächst auf deutsche Stromlieferanten konzentrieren, berücksichtigen wir angebotsseitig europäische Akteure und Anlagen. Etwa 50 Prozent der in Deutschland entwerteten HKN stammen schließlich aktuell aus Norwegen. Das müssen wir auch abbilden.

energate: Die EEX schaffte damals keine ausreichende Liquidität, haben Sie Market Maker unter Vertrag genommen?

Kligge: Im ersten Schritt genügen uns Zusagen interessierter Unternehmen, dass sie HKN-Mengen einstellen werden. Im Zuge der geplanten Weiterentwicklung denken wir aber auch über die Kontrahierung eines echten Market Makers nach. In unseren Gesprächen mit deutschen (Öko-)Stromlieferanten sind wir auf ein so eindeutiges Interesse an unserer Plattform gestoßen, dass wir von einem starken Pull-Faktor für Anbieter ausgehen, die Plattform als Vertriebskanal zu nutzen.

energate: Welche Rolle werden Post-EEG-Anlagen spielen?

Kligge: Das ist noch schwer abzuschätzen, obwohl 2021 quasi vor der Tür steht. Aktuell werden einige Handlungsoptionen diskutiert. Einerseits sehen wir PPAs, die ich zwar nicht als innovative Vermarktungsform betrachte, die aber dennoch einen Teil des Marktes ausmachen werden. Fest steht zumindest, dass die Erneuerbaren-Anlagen nach Ende der Förderung ihre Ökostromqualität behalten, so dass sich Erlöse mit der Vermarktung von HKNs erwirtschaften lassen. Dabei kann unsere Plattform natürlich helfen. Die Kombination ökologisch (HKN) und regional wird aus meiner Sicht eine interessante Lösung für Ü20 Anlagen bieten.

energate: Es gibt bereits ein Regionalnachweisregister, welches das UBA Anfang 2019 startete. Werden Sie dieses in irgendeiner Form einbinden?

Kligge: Wir haben darüber nachgedacht, ob wir direkt auch Regionalnachweise automatisiert über unsere Plattform handelbar machen können. Das müssen wir allerdings verschieben, weil der Handel völlig andere Strukturen erfordert als der HKN-Handel. So haben Sie beispielsweise bei den Regionalnachweisen das Regionenkonzept und die verpflichtende vertragliche Kopplung entlang der Stromlieferkette. Aber die Idee haben wir nicht aufgegeben. Auch wollen wir künftig noch die Möglichkeiten zum Handel von Mixprodukten mit HKN aus mehreren Ländern wie Nordic oder Alpin und auch den Technologiemix weiter ausbauen und deutlich komfortabler machen. Somit könnten Stromlieferanten noch leichter die Kriterien einer Produktzertifizierung bzw. eines Ökostrom-Labels wie Grüner Strom, OK-Power und Co. mit Hilfe unserer Plattform einhalten.

Die Fragen stelle Michaela Tix, energate-Redaktion, Essen.

Das Interview mit Holger Kligge von Arcanum Energy Solutions erschien am 11.11.2019 im Energate messenger.


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